Der Tod in der digitalen Welt

Wie erfahren wir eigentlich in unserer heutigen Welt, wenn jemand, den wir kennen, gestorben ist?

Früher war das einfach. Die Menschen, die man kannte, lebten meist im gleichen Ort oder im näheren Umkreis. Wenn jemand starb, gab es eine Traueranzeige in der Zeitung, und alle wussten Bescheid. Nicht nur das – sie erhielten die Nachricht auch in bestimmten Momenten, nicht einfach so zwischendurch. Dann, wenn sie die Zeitung aufschlugen und sich in Ruhe die Anzeigen ansahen. Manchmal vielleicht auch am Telefon oder in der Begegnung mit anderen im Ort.
Traueranzeigen gibt es auch heute noch, aber sie erreichen nicht mehr jeden. Gerade bei Menschen, die an unterschiedlichen Orten – vielleicht weltweit –, in verschiedenen Jobs, Firmen und Projekten gelebt und gearbeitet haben, ist es schwierig. Wie bekommen wir von ihnen mit, wenn sie gestorben sind? Und was macht es in dem Moment mit uns?

Ich hatte vor einer Weile ein interessantes Gespräch dazu, in dem mir genau so eine Geschichte erzählt wurde. Ein Mensch ist gestorben, und die Information dazu kam über die sozialen Medien. Einfach so, mitten hinein zwischen Arbeit und Kinderbetreuung, inmitten anderer, vergleichsweise banaler Nachrichten. Mitten im Alltag stand auf einmal diese Information: Ein Mensch ist gestorben.

Wie verhalten wir uns in diesem Fall? Ältere Generationen wissen noch, dass man eine Beileidskarte schreibt und auf die Trauerfeier geht. Wie gehen wir damit um, wenn das gar nicht möglich ist? An wen adressieren wir unser Mitgefühl, wenn wir die nahestehenden Menschen dieser Person gar nicht kannten oder keine Kontaktdaten von ihnen haben? Ist eine Nachricht über soziale Medien in diesem Moment angemessen? Wenn ja, welche Worte könnten passend sein?

Ich sehe darin viele Aspekte unserer heutigen Lebensweise. Sie scheint uns oft so normal und vertraut. Bei näherem Hinsehen ist sie allerdings sehr neu und vergleichsweise ungewohnt. Jahrtausendelang konnten Menschen immer nur erleben, was direkt vor ihren Augen geschah oder ihnen persönlich mitgeteilt wurde. Menschen lebten tendenziell an einem Ort, auch wenn manche durchaus auf längere Reisen gegangen oder in den Krieg gezogen sind. Man war da, miteinander, wenn jemand aus der Dorfgemeinschaft gestorben ist. Veränderungen geschahen allgemein eher langsam, und Menschen lebten über Jahrtausende hinweg auf relativ ähnliche Art und Weise. Nachrichten wurden mündlich übermittelt, irgendwann aufgeschrieben und schließlich wurde der Buchdruck erfunden – für die meisten Menschen eher nebensächlich, da sie gar nicht lesen konnten. Sie waren an dem Ort, an dem sie waren, und konnten nur hören oder sehen, was unmittelbar um sie herum geschah.

Im Vergleich dazu ging es in den letzten Jahrzehnten wahnsinnig rasant zu. Telefon, Auto, Ton-, Foto- und Videoaufnahmen, Flugreisen, Fernseher, Internet, Handy, Smartphone, KI. Innerhalb kürzester Zeit ist unsere Welt eine völlig andere geworden. Informationen und Nachrichten landen in Echtzeit von überall auf der Welt bei uns. Wir können jederzeit in Kommunikation mit Menschen stehen, die weit entfernt von uns sind.
All das ist eigentlich ziemlich irre. Und dann sitzen wir da, irgendwo auf der Welt, und erhalten diese Nachricht, dass irgendwo anders ein Mensch gestorben ist, den wir kannten. Vielleicht nicht einmal persönlich kannten, sondern „nur“ auf digitalem Weg. Und dann?

In meinem Gespräch dazu kam die Frage auf, wie man ethisch einen anderen Weg finden könnte, eine solche Nachricht zu übermitteln. Auch darüber habe ich nachgedacht. Wie sollte dieser Weg sein? Was könnte den Blick samstags in die Regionalzeitung ersetzen, bei dem man bewusst die Traueranzeigen ansieht? Wenn wir weltweit theoretisch jeden kennen können – welche Plattform sollte es sein, auf der wir uns bewusst darüber informieren, wer womöglich gestorben ist?

Natürlich gibt es einige digitale Angebote, auf denen online Gedenkseiten gestaltet und Kerzen angezündet werden können. Aber auch dafür müssen wir ja erst einmal erfahren, dass jemand gestorben ist. Wir können schließlich nicht ständig sämtliche Gedenkseiten durchforsten, um zu sehen, ob wir dort eventuell jemanden gekannt haben. Vielleicht kann die KI das eines Tages für uns übernehmen, aber auch dann stellt sich die Frage, wie sie es uns wiederum übermittelt.

Was wäre ein ethisch passender Weg? Wie würde er aussehen? Was bräuchten wir in dem Moment?

Mir kam dann noch eine weitere Frage: Geht es vielleicht auch darum, wie wir generell mit dem Tod umgehen? Denn eigentlich gehört der Tod doch immer zum Leben. Er geschieht zu jeder Zeit, manchmal völlig unerwartet. Ist es nicht Teil der Realität, dass er uns auch digital begegnen kann und genau dort auch dazugehört?

Nun habe ich leicht reden, denn mein Alltag schließt den Tod immer ein. Ich wüsste nicht, in welcher Situation mich die Nachricht vom Tod in diesem Sinne „unerwartet“ und unpassend treffen könnte. Generell würde ich es lieber wissen wollen, wenn ein Mensch, den ich kannte, gestorben ist, als diese Nachricht nicht zu bekommen. Dabei ist für mich der Weg, wie sie mich erreicht, zweitrangig. Der Tod gehört dazu – und weil sich ein Teil des Lebens heutzutage in der digitalen Welt abspielt, eben auch dort.

Letztlich können wir nur selbst entscheiden, wie wir damit umgehen. Vielleicht fängt es schon generell mit unserer Smartphone-Nutzung an. Wie ist es überhaupt für uns, jederzeit auf verschiedenen Kanälen die unterschiedlichsten Nachrichten zu erhalten? Braucht es vielleicht allein dafür schon eine andere Bewusstheit? Wir informieren uns nicht – wir werden informiert.

Der Tod als Teil des Lebens. Ich lande immer wieder dort und merke zugleich, wie unzureichend die Worte sind. Es klingt so abgedroschen und wird mittlerweile von vielen Menschen immer wieder so gesagt. Aber was heißt das wirklich? Wie könnte das Leben aussehen, wenn es selbstverständlicher wäre, dass er dazugehört? In anderen Ländern ist es so – auch daran musste ich denken. Ich kenne es persönlich aus Nepal. In einer Kultur, in der Bestattungen öffentlich sichtbar stattfinden und von sehr vielen Menschen begleitet werden, gehört der Tod anders dazu. Wenn Verstorbene quer durch den Ort getragen werden, ist es auch möglich, dass man gerade einer ganz „normalen“ Alltagsbeschäftigung nachgeht und plötzlich mit dem Tod konfrontiert wird.

Aber auch an dieser Stelle reden wir wieder von der echten Begegnung, von Menschen, die real zusammenkommen und womöglich in gemeinsamen Ritualen Halt finden.
Welche Rituale braucht es in der digitalen Welt? Was könnte uns dort den Umgang mit dem Tod erleichtern? Welche Form von Gemeinschaft kann es geben in einer weit vernetzten und zugleich auseinander gezogenen Welt?

Ich glaube, es würde sich lohnen, darüber zu reden und miteinander zu lernen. Was meint ihr? Vielleicht finden wir gemeinsam Wege, die ich mir alleine hier in meinem kleinen Artikel gar nicht ausdenken kann. Vielleicht geht es erst einmal nur darum, die Erfahrungen zu teilen und die Fragen zu stellen, die in dem Moment aufkommen: Wie reagiere ich? Was mache ich jetzt? Wo kann ich hin mit den Gefühlen, die es in mir auslöst?

Was fällt euch dazu ein? Wie seid ihr bisher damit umgegangen, wenn ihr über soziale Medien oder auf anderen digitalen Wegen vom Tod eines Menschen, den ihr kanntet, erfahren habt?

Silke begleitet Menschen in der Zeit zwischen Tod und Bestattung im Abschiedshaus Laux in Bad Nauheim Steinfurth, wo sie mit ihrem Mann Bernhard Laux lebt. Gemeinsam laden die beiden seit 2018 einmal im Monat zum offenen Gesprächskreis "Über den Tod reden" ein. Ihre eigene Erfahrung nach dem frühen Verlust ihres damaligen Lebensgefährten in Nepal hat sie geprägt und geöffnet für ihre heutigen Aufgaben.